Stellungnahme der Beratungskommission der Gesellschaft für
Toxikologie in der DGPT zu möglichen Gesundheitsgefahren durch Di(2-ethylhexyl)phthalat (DEHP) aus Medizinprodukten in neonatologischen Intensivstationen
(überarbeitete Fassung vom 18.10.2002)
Diese Stellungnahme stützt sich insbesondere auf die
vorangegangenen ausführlichen Stellungnahmen des Center for Devices and
Radiological Health der U.S. Food and Drug Administration (1), des
Center forthe Evaluation of Risks to Human Reproduction des National
Toxicology Program (2) und den Entwurf eines Risk Assessment Reports
der EU für DEHP von 2000 (3). Ebenfalls herangezogen wurde einevon
Schulte-Hermann und Parzevall im Auftrag des
österreichischen Ministeriums für Soziale Sicherheit und Generationen
verfasste Stellungnahme (4).
Expositionsquellen
Di(2-ethylhexyl)phthalat (DEHP) wird
als Weichmacher bei der Herstellung von Kunststoffen aus
Polyvinylchlorid (PVC) verwendet. Weich-PVC enthält je nach
Spezifikation 20 bis 80% DEHP.Es wird nicht kovalent an das PVC gebunden
und kann ausgasen bzw.ausgewaschen werden. Als Expositionsquellen für
den Verbraucher kommen Innenraumluft (Ausgasen aus Fußböden und
Einrichtungsgegenständen), Nahrung, Verpackungsmaterial, Trinkwasser und
Bedarfsgegenstände (z.B. PVC-Handschuhe, Kinderspielzeug, Babyartikel)
in Betracht. Eine zusätzliche bedeutsame Expositionsquelle sind
Medizinprodukte, insbesondere Schlauchmaterial. Demnach kann der
Aufnahmeweg inhalativ,oral, dermal und intravenös sein. Besonderen
Anlass zur Sorge gibt die mögliche DEHP-Belastung aus Medizinprodukten
für die Patienten in Früh- und Neugeborenenstationen. Die
wichtigsten DEHP-Quellen bei dieser Patientengruppe sind
Schlauchmaterialien für Ernährung, Beatmung, extrakorporale
Membranoxygenation (ECMO) und Infusionen (*1).
Die Angaben zur
Expositionshöhe in der wissenschaftlichen Literatur schwanken. Das
Ausmaß der Auswaschung aus PVC-Beuteln und Schlauchmaterial hängt von
der Lagerungs- und Anwendungsdauer, von der Temperatur, vom Schütteln
des Mediums und insbesondere von der Zusammensetzung des Mediums ab.
DEHP ist lipid löslich und wird von fetthaltigen Lösungen in erheblichem
Umfangaus dem Kunststoffmaterial des Schlauches herausgelöst,
während rein wäßrige Lösungen ein geringeres Problem darstellen. Eine
Reihe von Arzneimitteln verstärkt die Auswaschung (*2).In verschiedenen
Studien ergaben sich für Vollblut Mittelwerte zwischen 40 und 80 mg/L
(in 1) Der höchste publizierte Wert für DEHP in Erythrozytenkonzentraten
betrug 174 mg DEHP/l(in 5), Mittelwerte aus verschiedenen Studien lagen
zwischen 14 und 40 mg/L (in 1). Im Plasma wurden Mittelwerte zwischen 5
und 475 mg DEHP/L gefunden (1); der höchste publizierte Wert war <890
mg/L (in 5). Berechnungen für einzelne medizinische Eingriffe ergeben
folgendes Bild: Für Bluttransfusionen bei Neugeborenen werden
DEHP-Belastungen zwischen 1 und 4 mg/kg Körpergewichtpro Eingriff
genannt (6). Im Risk Assessment Report der EU (3) wird ein Wert von 1,7
mg/kg Körpergewicht pro Tag für Bluttransfusionen angenommen. Nach 3
(10) Tagen ECMO wurde von Shneider et al. (7) die Belastung mit 42 (140)
mg DEHP/kg Körpergewichtgleich 14 mg/kg Körpergewicht und Tag
angegeben; die Berechnungen von Karle et al. (8) kamen mit 5-10 (15-35)
mg/kg Körpergewicht für 3 (10) Tage ECMO auf Belastungen, die eine
Größenordnung niedriger liegen. Karle et al. (8) fanden keine
Freisetzung, wenn heparinbeschichtete Schläuche verwendet wurden. In
einer experimentellen Arbeit zur Auswaschung mit typischen Lösungen zur
parenteralen Ernährung, Blutprodukten und Infusionen rechneten kürzlich
Loff et al. (9) die Belastung eines Frühgeborenen auf mindestens 10 mg
pro Tag hoch (*3).
Durch Hydrolyse zum Monoethylester entsteht
der aktive Metabolit Monoethylhexylphthalat (MEHP), der zumindest für
die testikulären Wirkungen von DEHP das eigentliche Wirkprinzip
darstellt (10). Diese Hydrolyse kann durch Darmlipasen effizient
katalysiert werden,so dass bei oraler Applikation neben DEHP auch
bedeutende MengenMEHP aufgenommen werden. Die Spaltung durch
Plasmaenzyme währendder i.v.Applikation verläuft wesentlich langsamer;
MEHP kann auch in vitro aus ausgewaschenem DEHP entstehen. In
Blutprodukten wurden zwischen 0 und 22,5 Mikrogramm MEHP/mL gefunden (in 1).
Die unterschiedliche Freisetzung des aktiven Metaboliten MEHP beioraler
und parenteraler Verabreichung gibt zu der Vermutung Anlass,dass die
MEHP-Belastung und somit die Empfindlichkeit bei einer parenteralen
DEHP-Zufuhr geringer ist als bei einer oralen DEHP-Zufuhr.Verwertbare
Befunde zur Bildung von MEHP beim Menschen liegen nicht vor; bei der
Weiterverstoffwechslung von MEHP bestehen Unterschiedezu Nagern
(10,11), deren Bedeutung für die Bioverfügbarkeitdes Metaboliten jedoch
unklar ist.
Toxikologie
Verwertbare Daten aus
Fallbeschreibungen oder epidemiologischen Studien zur Toxizität von DEHP
bei wiederholter Verabreichungliegen für den Menschen nicht vor.
Ergebnisse tierexperimenteller Untersuchungen geben jedoch Anlass dazu,
mögliche Gesundheits gefahren auch für den Menschen in Betracht zu ziehen.
Die
Testes sind das empfindlichste Zielorgan der Toxizität von DEHP.
Betroffen ist die Sertolizelle und damit auch die
Spermiogenese. Zahlreiche tierexperimentelle Untersuchungen belegen
einen dosisabhängigen adversen Effekt von DEHP auf den Hoden und auf die
männliche Fertilität (zusammengestellt in 1,2,3,4). Bei hoher
Dosierung und langer Anwendungsdauer waren die testikulären Schäden nicht
reversibel (13). Der in dem Risk assessment-Entwurf der EU (3) und der
Stellungnahme von Schulte-Hermann und Parzefall(4) zu Grunde gelegten
NOAEL-Wert (no observed adverse effectlevel, Dosis ohne beobachtete
schädliche Wirkung im Tierexperiment) von 3,7 mg/kg Körpergewicht/Tag
für die testikuläre Schädigung ist einer von Poon et al. 1997
publizierten oralen 90 Tage-Studie an jungen Sprague-Dawley Ratten
entnommen, die unter vergleichbaren Bedingungen wie eine
Guideline-Studie durchgeführt wurde (14). Darin wurde eine
Vakuolisierung der Sertolizellenbei 37,6 mg DEHP/kg Körpergewicht/Tag
(LOAEL, lowest observedadverse effect level, niedrigste Dosis, bei der
schädliche Wirkungen im Tierexperiment beobachtet wurden) und eine
Atrophieder Samenkanälchen mit komplettem Verlust der Spermiogenesebei
376 mg DEHP/kg Körpergewicht/Tag gefunden; bei 3,7 mg DEHP/kg
Körpergewicht/Tag wurden keine adversen Effekte beobachtet.
Es
gibt zahlreiche Hinweise darauf, dass junge Ratten eine höhere
Empfindlichkeit gegenüber den testikulären Effekten von DEHP aufweisen
als ältere Tiere. Diese
Altersabhängigkeit der Empfindlichkeit
könnte z.T. pharmakokinetische Gründe haben, spiegelt sich jedoch auch
in Sertoli-Zellkulturen bei Behandlung in vitro wider (16). Der
niedrigste
LOAEL für eine Hodenschädigung, der in derLiteratur genannt wird, wurde
an Jungtieren nach prä- und postnataler Gabe von DEHP gefunden; er lag
bei 3,0-3,5 mg/kg/Tag. In dieser Studie (16) wurde DEHP in Dosierungen
von 3-3,5 bzw.30-35 mg/kg/Tag über das Trinkwasser an trächtige
Long Evans-Ratten von Tag 1 bis 21 der Trächtigkeit
verabreicht.Anschließend erhielten die laktierenden Muttertiere nochfür
8 Wochen DEHP in den gleichen Dosierungen über dasTrinkwasser. Ob eine
Komplexierung des DEHP in der Muttermilchstattfand, wurde nicht
untersucht. Die Untersuchung der Jungtiereerfolgte zu den Zeitpunkten
3, 4, 5, 6 und 8 Wochen. Histologischwurde in beiden Dosisgruppen eine
Schädigung des Samenepithels,Ablösung der Spermatogonien von der
Basalmembran und Fehlenvon Spermatozyten gesehen, die auch am Ende der
Beobachtungsperiodenoch bestanden. Erwachsene Männchen, die die
gleichen Dosen über 6
Wochen erhielten, zeigten nur geringfügige
Veränderungenin den Testes. Die Validität dieser Nagerstudie ist
hinsichtlichder tatsächlich aufgenommenen Dosis in Zweifel gezogen
worden.Argumente sind das Fehlen von Angaben zur Zubereitung und
zumVerbrauch des Trinkwassers sowie die Tatsache, dass bei den
Muttertierenerhöhte Lebergewichte gefunden wurden, was auf eine
höhereeffektive Dosierung als angegeben hinweist. Wegen ihrer
Mängelwird diese Studie von FDA, NTP und EU nicht für die
Risikoabschätzungherangezogen; sie dient aber als Hinweis auf
Hodenschädigungendurch DEHP gerade bei sehr jungen Tieren.
Eine
Multigenerationenstudie ist das geeignete Studiendesignzur Erfassung
der Sensitivität dieser Altersgruppe. Zwar imitiert eine solche Studie
nicht genau das Expositionsszenarioin der Früh- und
Neugeborenenstation, nämlich die direkte Belastung des Jungtieres
gegenüber großen Mengen DEHP; zudem kann die pränatale Exposition
während der Reifung der Testes und der Reifezustand der Testes bei den
Jungtieren nicht ohne Weiteres auf die neonatologischen Patienten
übertragen werden. über die indirekte prä- und postnatale Belastung wird
aber der vermutlich sensitivste Zeitraum mit erfasst. Kürzlich wurde von
der Firma BASF eine nach OECD-Richtlinien
angelegte Multigenerationenstudie an Ratten zu Ende geführt (Schillinget
al., unveröffentlicht). Diese Studie ergibt nur für die höchste
verabreichte Dosierung von ca. 1000 mg/kg
Körpergewicht/TagDEHP-bedingte Effekte, nämlich fortgeschrittene
Stadien vontubulärer Atrophie in den Hoden und Aspermie in den
Nebenhodenbei einem Teil der Tiere der F0- und F1-Generation sowie ein
verringertes Hodengewicht in den Würfen der F2-Generation; der NOAEL
liegt damit bei der nächst niedrigeren Dosierung von ca. 340
mg/kgKörpergewicht /Tag. Die Gründe für den um 2 Größenordnungen höheren
NOAEL-Wert im Vergleich zu der Studie von Poon etal. (14) liegen nicht
auf der Hand. Der NTP-CERHR-Report (2) wägt die Ergebnisse der Vorstudie
zu Schilling et al. gegen die der Studie von Poon et al. (14)
gegeneinander ab und kommt nicht zueiner Erklärung der Differenz; nach
Heranziehen einer Studie an der Maus (17), die einen NOAEL von 14 mg/kg
KörpergewichtTag ergab, nimmt dieses Expertengremium einen NOAEL im
Bereich3,7 ? 14 mg/kg Körpergewicht /Tag an. Auch nach
unserer Auffassung muss bei der Wichtung berücksichtigt werden, dass der
von Schilling et al. angegebene Wert am oberen Rand aller in
Rattenstudien bisher gefundenen Werte liegt (*4).
Wegen der
höheren Freisetzung von MEHP liegen gute Gründe für die Annahme einer
höheren Empfindlichkeit gegenüber DEHP bei oraler verglichen mit
parenteraler Gabe vor. Daher hat es das Center for Devices and
Radiological Health der U.S. Foodand Drug Administration (CDRH-FDA) (1)
als geboten angesehen, nur tierexperimentelle Studien mit der klinisch
relevanten parenteralen Applikation für die Ableitung eines NOAEL-Wertes
zu verwenden. Zu diesem Applikationsweg liegen relativ wenige Studien
vor, von denen das Gremium drei für die Bewertung heranzieht. Sjöberget
al. (18) wiesen nach sechs i.v.-Gaben von 500 mg/kg Körpergewicht jeden
zweiten Tag an zu Versuchsbeginn 40 Tage alte Ratten
elektronenmikroskopisch Läsionen der Sertolizellen und der Spermatozoen
nach. Die nächst niedrigere Dosis war 50 mg/kg Körpergewicht,
rechnerisch ergibt sich also ein NOAEL von 25 mg/kg
Körpergewicht/Tag.Eine weitere Studie (19, zitiert nach 1) findet bei
Behandlung von Ratten an den postnatalen Tagen 3-21 mit 62 mg/kg
Körpergewicht/Tagkeine histologischen Auffälligkeiten. In einer dritten
Studie (20, zitiert nach 1) wird über histologische Veränderungenan
Samenkanälchen und Keimepithel bei zu Versuchsbeginn 3-5Tage alten
Ratten nach einer 3 wöchigen Behandlung mit 300mg/kg Körpergewicht/Tag
berichtet; der NOAEL war 60 mg/kg Körpergewicht/Tag.
Speziesunterschiede und übertragbarkeit der tierexperimentellen Befunde auf den Menschen unter mechanistischen Gesichtspunkten
Testikuläre
Effekte von DEHP wurden bei Ratten, Mäusen, Meerschweinchen, Hamstern
und Frettchen nachgewiesen. An Primatenwurde diese toxische Wirkung
bisher nicht beschrieben. Dabei muss allerdings berücksichtigt werden,
dass Jungtiere, die altersmäßigden Patienten auf neonatologischen
Stationen entsprächen, nicht untersucht wurden. In einer Studie an
Marmosets wurde anzu Versuchsbeginn 12-15 Monate alte
(d.h.pubertierende) Tiereüber 90 Tage bis zu 2500 mg DEHP/kg
Körpergewicht/Tagper Schlundsonde verabreicht (21). Rhodes et al. (22)
behandelten 12-18 Monate alte Marmosets über 14 Tage entweder mit 2000mg
DEHP/kg Körpergewicht/Tag per Schlundsonde oder mit 1000mg DEHP/kg
Körpergewicht/Tag intraperitoneal. In einer Studiean 2jährigen
(präpubertären) Cynomolgusaffen betrugdie Versuchsdauer 14 Tage; 500
mg/kg Körpergewicht/Tag wurden per Schlundsonde verabreicht (23). Die
niedrige Empfindlichkeitvon Primaten könnte pharmakokinetisch bedingt
oder mitbedingt sein; bei Marmosets und Cynomolgusaffen wurde eine
geringere Bioverfügbarkeitvon DEHP (10 ? 20 %) gefunden als bei Ratten
(21). Auf pharmakodynamischerEbene ist zu berücksichtigen, dass Ratten
gegenübereiner Reihe anderer hodentoxischer Stoffe eine höhere
Empfindlichkeit aufwiesen als andere Spezies (zusammengestellt in 1).
Daten
über das Auftreten testikulärer Schädenbei Menschen, bei denen in der
Neugeborenenperiode Behandlungen mit Schlauchmaterial aus Weich-PVC
durchgeführt wurden, sind bisher nicht erhoben worden. Eine
Risikoabschätzung für den Einsatz von Weich-PVC in der neonatologischen
Intensivstation kann sich daher nur auf die publizierte Information aus
Tierversuchen stützen. Bei der Diskussion einer Übertragbarkeit
der tierexperimentellen Befunde auf den Menschen ist die Frage
anzusprechen, ob es Unterschiede im Wirkungsmechanismus von DEHP
zwischen den Versuchstieren, bei denen die Substanz
Hodenschädigungen hervorrief, und dem Menschen gibt, die eine Übertragung der Daten aus dem Tierversuch ausschließen oder eine
geringere Empfindlichkeit des Menschen nahe legen.
DEHP ist ein Agonist am Peroxisomen-Proliferator-aktivierenden Rezeptor
alpha (PPAR-alpha). Speziesunterschiede in der Dichte und Funktionalität
von PPAR-alpha spielen derzeit eine entscheidende Rolle bei der
Diskussion zur krebserzeugenden Wirkung von DEHP und anderen Phthalaten.
PPAR
sind liganden aktivierte Transkriptionsfaktoren aus der Familie der
nukleären Rezeptoren, die als heterodimere Komplexe mit dem
Retinoid-X-Rezeptor-alpha (RXR-alpha) an Peroxisomen-Proliferator-responsive Elemente
(PPRE) in der Promotorregion unterschiedlicher Gene binden und die
Ablesung dieser Gene aktivieren. Einige der von PPAR-alpha regulierten
Gene kodieren für Enzyme der beta-Oxidationvon Fettsäuren in den
Peroxisomen. Mit der Induktion peroxisomalerEnzyme geht insbesondere in
der Nagerleber eine Proliferationder Peroxisomen einher. Der aktivierte
PPAR-alpha interferiert außerdem mit zentralen Signaltransduktionswegen
und nimmt auf diese Weise Einfluss auf Prozesse der Proliferation. An
Leberzellen vom Menschen wurde eine Peroxisomenproliferation in vitronicht
beobachtet (24). Auch in der Leber von Patienten, die über Jahre Fibrate
zur Lipidsenkung erhielten, ist die Evidenz für eine
Peroxisomen proliferation schwach (25,26). Die Dichte an PPAR-alpham RNA
in Hepatozyten vom Menschen wurde mit 10% derjenigen im
Rattenhepatozyten angegeben (27). Bei Ratte und Maus korreliert die
Peroxisomenproliferation mit einer hepatokarzinogenen Wirkung. Die
gewichtete Datenlage erweist DEHP dabei als nicht genotoxisch. Vielmehr
wird die krebserzeugende Wirkung als Tumorpromotion aufgefasst. Es wird
vielfach angenommen, z.B. von IARC (28), dass Peroxisomenproliferation
und Tumorpromotion über die Wirkung auf den PPAR-alpha kausal
zusammenhängen. Diese Interpretation stützt sich auch auf Befunde an
PPAR-alpha-/- Mäusen, bei denen DEHP weder Peroxisomenproliferation noch
Leberkrebs hervorrief. Daraus wird geschlossen, dass für DEHP in einer
Spezies wie dem Menschen, in dem die Substanz
keine Peroxisomenproliferation hervorruft, eine krebserzeugende
Wirkung nicht erwartet werden muss. Epidemiologische Studien an mit
Fibraten,die ebenfalls als Liganden des PPAR-alpha wirken,
behandelten Patienten weisen kein erhöhtes Krebsrisiko aus, werden
allerdings von einigen Kommentatoren als nicht hinreichend
aussagekräftig eingeschätzt (26,29).
Die Annahme einer
prinzipiellen Insensitivität des Menschen für die krebserzeugende
Wirkung von Peroxisomenproliferatorenist nicht unumstritten (3,30). Es
wird argumentiert, dass eine kausale Beziehung zwischen
Peroxisomenproliferation und Hepatokarzinogenität nicht bestehen muss,
sondern dass wachstumsfördernde Wirkungenparallel zu der
Peroxisomenproliferation, aber unabhängigvon ihr, existieren können,
die durch die PPAR-alpha-regulierteExpression von Proteinen mit
bekanntem Einfluss auf Zellproliferationund Apoptose oder auch durch
einen PPAR-alpha? unabhängigen Mechanismus ausgelöst werden. Dass beim
Menschen Wirkungen von "Peroxisomenproliferatoren" unabhängig von einer
Peroxisomenproliferation auftreten, wird ja ohnehin an der erfolgreichen
Lipidsenkung bei mit Fibraten behandelten Patientendeutlich, die auf
eine PPAR-alpha-regulierte Induktion von Enzymendes Triglyzerid- und
Cholesterintransports zurückgeführt wird. Das Versagen der Wirkung auf
das peroxisomale Kompartimentder Leber beim Menschen wird auch mit
funktionell inaktiven PPRE im Promotor humaner Gene in Zusammenhang
gebracht, die allerdings bisher nur bei der Acyl-CoA-Oxidase, einem
Enzym der beta-Oxidation, nachgewiesen wurden (31). In Betracht gezogen
werden müssen auch Hinweise auf interindividuelle
Empfindlichkeitsunterschiede des Menschen für
"Peroxisomenproliferatoren", die aus einer 10 fachen Variation der
Abundanz von PPAR-alpha mRNA in der menschlichen Leber und aus dem
Auftreten von abweichenden Sequenzen im PPAR-alpha-Gen (27) abgeleitet
werden.
Der Mechanismus der testikulären Schädigung
durch DEHP ist nicht aufgeklärt. Schultz et al. (32) wiesen
PPAR-alpha-Immunreaktivität in Leydig-Zellen, Samenepithelzellen
und Keimzellen verschiedener Stadien im Hoden des erwachsenen
Menschen nach. Da mehr Keimzellstadien PPAR-alpha-positiv sind als
beider Ratte, nehmen diese Autoren eine wichtigere Rolle des
Rezeptorsin der Spermatogenese des Menschen als der Ratte an. Befunde
an PPAR-alpha -/- Mäusen (33) zeigen, dass der Rezeptor nicht obligat für
die Fertilität der Maus ist; über seine Rolle für die Fertiliät des
Mannes ist nichts bekannt. Ergebnisse von Ward et al. (34), die in
DEHP-behandelten PPAR-alpha-/- Mäusen zwar keine Leberschäden, jedoch
toxische Läsionen in Testes und Nieren demonstrierten, sprechen
gegeneine obligate Rolle des PPAR-alpha bei der Hodenschädigung. Das
Auftreten der testikulären Effekte war allerdings in den
PPAR-alpha -/- Mäusen verzögert gegenüberden PPAR-alpha +/+ Mäusen, so
dass angenommen werden muss, dass ein PPAR-alpha-abhängiger- Mechanismus
mitbeteiligt ist. Für die Bewertung des Wirkungsmechanismus
hinsichtlichder Toxizität am Hoden beim Menschen müssen
ähnliche Überlegungen angestellt werden wie für die
krebserzeugende Wirkung an der Leber: Sowohl ein PPAR-alpha-abhängiger
als auch ein PPAR-alpha-unabhängiger Mechanismus der Hodenschädigung kann
beim Menschen nicht ausgeschlossen werden.
Schlussfolgerungen
Bei
der beschriebenen Datenlage ist nicht auszuschließen, dass die bei
Ratten und Mäusen beobachteten Hodenschädigungen durch DEHP auch beim
Menschen auftreten können. Dabei gibt angesichts der beim Nager
nachgewiesenen Altersabhängigkeit der Empfindlichkeit und angesichts der
Expositionshöhe insbesondere die Behandlung von Früh- und Neugeborenen
mit Material aus DEHP-haltigem Weich-PVC Anlass zur Besorgnis. Die
Ableitung eines zuverlässigen NOAEL-Wertes ist nach Auffassung der
Beratungskommission aus den vorliegenden Daten nicht möglich. Von den
internationalen Gremien, die sich zu dem Problem geäußert haben,
sind unterschiedliche Wege des Versuchs einer Quantifizierung des
Risikos eingeschlagen worden:
Das CDRH-FDA (1) verwendet
einen NOAEL von 60 mg/kg Körpergewicht /Tag aus Studien mit
parenteraler DEHP-Applikation und leitet aus diesen einen Tolerable
Intake-Wert (TI) von 0.6 bis 0.8 mg/kg Körpergewicht/Tag ab, der in
Beziehung zur tatsächlichen Exposition gesetzt wird. Dabei ergeben sich
für das Neugeborene bei der totalen parenteralen Ernährung, bei der
Austauschtransfusion und bei der extrakorporalen Membranoxygenierung
(ECMO) TI/Dosis-Quotienten < 1 und damit Anlaß zur Besorgnis.
Das
CERHR-Expertenpanel des NTP (2) geht von einem oralen NOAEL-Wert
zwischen 3,7 und 14 mg/kg Körpergewicht/Tag bei der Ratte aus und
stellt fest, dass bei schwerkranken Kleinkindern auf der
Intensivstation die Exposition in die Nähe von Dosen, die bei der Ratte
toxisch sind, kommen kann.
In dem Risk Assessment-Entwurf der
EU für DEHP (3) wird der von Poon et al. (14) angegebene NOAEL-Wert von
3,7 mg/kg Körpergewicht/Tag zugrunde gelegt, und der Abstand zwischen
diesem NOAEL-Wert und der tatsächlichen Exposition des Menschen
errechnet. Dieser Abstand wird allgemein als MOS (margin of safety,
Sicherheitsabstand) bezeichnet; ein MOS < 100 gilt als unzureichend.
In
Tab.1 wurden drei in der Literatur angegebene NOAEL-Werte,1) der aus
der Poon-Studie (14) abgeleitete NOAEL-Wert von 3,7mg/kg
Körpergewicht/Tag, 2) der von der FDA (1) angenommene NOAEL-Wert von 60
mg/kg Körpergewicht und Tag und 3) deraus der Schilling-Studie
(Schilling, unveröffentlicht) abgeleitete NOAEL-Wert von 340 mg/kg
Körpergewicht/Tag benutzt, um MOS-Wertebei unterschiedlichen
Expositionsszenarien, die dem Papier derEU (3) entnommen sind, zu
berechnen.
Tab.1: Ableitung von Sicherheitsabständen (MOS)
zwischen NOAEL- Werten aus Tierversuchen und tatsächlicher Expositiondes
Menschen (in Anlehnung an (3))
Studie
NOAEL*
MüOS für Er-
wachsene***
MOS für Kinder***
MOS für
Erwachsene (Langzeit-
Hömodialyse)
MOS für Neugeborene (Transfusion)
Poon et al. (14)
3,7 (2**)
167**
9**
0,6**
1,1**
AdvaMed (20)
60
5010
270
18
33
Schilling (unveröffentlicht)
340 (170**)
14195**
765**
51**
94**
*Angaben
in mg DEHP/kg Körpergewicht und Tag, **korrigiert für 50% Resorption bei
oraler Verabreichungan der Ratte, (im Vergleich zu der 100%igen
Bioverfügbarkeit bei parenteraler Aufnahme), *** Innenraumluft +
PVC-Handschuhe+ Autointerieur, **** Innenraumluft + Spielzeug +
Autointerieur
Danach liegt der Sicherheitsabstand (MOS) für
eine testikuläre Schädigung bei Langzeit-Hämodialysepatienten
zwischen 0,6 und 51. Für Früh- und Neugeborene wurde eine Berechnung für
das Szenario Bluttransfusion nach den Expositionsannahmen im Entwurf der
risk Assessment Reports des EU (3) von 1,7 mg/kg Körpergewicht/Tag
durchgeführt; es ergab sich ein Sicherheitsabstand(MOS) zwischen 1.1
und 94. Geht man davon aus, dass die Patientenin der neonatologischen
Intensivstation außer bei Bluttransfusionenauch bei ECMO und totaler
parenteraler Ernährung gegenüber DEHP exponiert sind, so läge für diese
Patientengruppe vor allem für sehr kleine Frühgeborene - der MOS für
begrenzte Zeiträume von Tagen bis Wochen unter ungünstigen Annahmen
unter 1 und unter Zugrundelegung des höchsten in der Literatur
angegebenen NOAEL-Wertes (Schilling, unveröffentlicht)noch unter 100.
Aus
dieser Datenlage läßt sich wegen des vorhandenen Risikos für die
Patienten der neonatologischen Intensivstationdurch die Benutzung von
DEHP-haltigem Weich-PVC ein dringender Handlungsbedarf ableiten. Nach
Ansicht der Beratungskommission muss für die Anwender auf den Früh- und
Neugeborenenstationen transparent werden, ob alternatives
Plastikmaterial mit der für den Einsatz an Früh- und Neugeborenen zu
fordernden technischen Qualität und toxikologischen Unbedenklichkeit
verfügbar ist, und wenn dies nicht der Fall ist, ob derartiges
Material von der Industrie zügig entwickelt werden kann.
(*1)
Weich-PVC wird oder wurde verwendet für Aufbewahrungs-, Schlauch- und
Kathetermaterial für i.v.-Infusionenund für Blutprodukte,
PVC-Handschuhe, Hämodialyseschläuche, Schläuche für die extrakorporale
Membranoxygenierung (ECMO), Beatmungs- und Endotrachealschläuche,
Nasogastralsonden, Beutel und Schläuche für die enterale und
parenterale Ernährung, Blasenkatheter, Absaugkatheter, Spritzen,
Schlauchmaterialfür kardiopulmonale Bypässe. Daten über den
quantitativen Einsatz von Weich-PVC bzw. von alternativen Materialien
für diese Verwendungszwecke in Deutschland liegen nicht vor.
(*2)
Gezeigt für Cefoperazon, Chlordiazepoxid, Ciprofloxacin,Cimetidin,
Cyclosporin, Etoposid, Fentanyl, Fluconazol, Metronidazol,Paclitaxel,
propofol, Taxotere, Teniposid, Vitamin A (in 1,2).
(*3) 20%ige
Lipidemulsion 10 mg/Tag, Aminosäure/Glucose-Gemisch0.1 mg/Tag,
Midazolamlösung 0.02 mg/Tag, Fentanyllösung 0,1 mg/Tag, Propofollösung 6
mg/Tag, Erythrozytenkonzentratbis 0.6 mg/20 mL, plättchenreiches Plasma
1 mg/20 mL, frischesgefrorenes Plasma bis 8 mg/20 mL.
(*4)
Allerdings kommt eine neue, unter Beteiligung des NationalInstitute of
Environmental Health Sciences entstandene Mehrgenerationenstudie, die
bisher erst als Abstract vorliegt (Wolfe et al., 41th AnnualMeeting of
the Society of Toxicology, Nashville März 2002) ebenfalls zu höheren
NOAEL-Werten als die Studie von Poonet al. (14); dort werden sicher
behandlungsbedingte mikroskopische Veränderungen in den Testes bei 7500
ppm (ca. 750 mg/kg Körpergewicht/Tag), aber nicht mehr bei 1000 ppm
(ca. 100 mg/kg Körpergewicht/Tag),v ereinzelte, nicht sicher
behandlungsbedingte Entwicklungsstörungender männlichen Sexualorgane
bei 300 ppm (ca. 30 mg/kg Körpergewicht/Tag), aber nicht mehr bei 100
ppm (ca. 10 mg/kg Körpergewicht/Tag)g esehen.
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