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Stellungnahme der Deutschen Gesellschaft für Pharmakologie und Toxikologie, Sektion Toxikologie
zur möglichen Gesundheitsgefährdung durch erhöhte Dioxinkonzentrationen in einigen belgischen Lebensmitteln
Durch Verunreinigung von Tierfutter mit polychlorierten Dibenzo-p-dioxinen (im
folgenden kurz "Dioxine" genannt) kam es bei belgischem
Hühnerfleisch, Eiern und evtl. bei anderen Produkten zu erhöhten
Dioxin-Konzentrationen. Dioxine sind in geringen Konzentrationen in
vielen Lebensmitteln nachweisbar. Sie treten, zusammen mit den
polychlorierten Dibenzofuranen, regelmäßigals Gemische von insgesamt 17
toxischen Verbindungen auf, die durch einen Summenparameter, die
sogenannten Dioxinäquivalente oder TEQ erfasst werden. Wichtige Quellen
der Dioxinbelastung in der Umwelt sind
Verbrennungsprozesse (Metallrecycling, Müllverbrennung, Holzverbrennung
etc.). Dioxine sind in der Umwelt stabil und reichern sich in der
Nahrungkette an. Der bedeutendste Aufnahmeweg (> 95 Prozent) des
Menschen für polychlorierte Dioxineist der Verzehr von Milch und
Milchprodukten, Eiern und Eiprodukten sowie Fleisch- und Fischprodukten.
Daten aus zahlreichen Industrieländern belegen eine tägliche Aufnahme im
Bereich von 30 - 50 Pikogramm (pg) TEQ (1 pg = 1 Billionstel Gramm) pro
Tag für den Menschen. Diese Aufnahme führt zu Gewebekonzentrationen
zwischen 10 und 30 pg TEQ pro g Fett. Nach massiver Freisetzung von
Dioxinen durch Industrieunfälle oder bei Dioxinbelastungen am
Arbeitsplatz wurden deutlich höhere Werte beobachtet, die bis zu 56 000
pg TEQ pro g Fett reichten.
In den letzten 10 Jahren war ein
kontinuierlicher Rückgang der Dioxinbelastungin Nahrung und Umwelt zu
verzeichnen, der auf Massnahmen zur generellen Verminderung der
Luftverschmutzung und zur Reduktion von Dioxin-Emissionen beruht.
Nach
einer akuten Exposition gegenüber sehr hohen Dioxinkonzentrationen kommt
es beim Menschen mit einer Latenzzeit von mehreren Wochen zur
Ausbildung der charakteristischen Chlorakne, verstärkte Verhornung mit
Bildung von Pusteln im Gesicht und an den Extremitäten, die über
Jahre hinweg anhält. Neben Chlorakne (beobachtet ab einer einmaligen
Dioxindosisvon 1 000 000 pg/kg Körpergewicht oder 60 000 000 pg für
einenerwachsenen Menschen) sind auch diffuse Nervenschäden (bis zur
massiven Beeinträchtigung), Störungen des Fettstoffwechsels und
Leberschäden beobachtet worden. Ferner kam es bei exponierten Menschen
in Seveso, die mit dem besonders toxischen Dioxin TCDD belastet waren
(Blutspiegel von 800 bis 56 000 pg TEQ/g Fett), zu einer Zunahme der Zahl
der Todesfälle an Herz-Kreislauf-Erkrankungen bei Männern, sowie zu
einer signifikanten Veränderung des Geschlechterverhältnisses zu Gunsten
von Mädchengeburten.
In Belgien wurden in Eiern
Dioxinkonzentrationen im Bereich von ca. 250- 700 pg TEQ pro g Fett in
Eiern und von ca. 740 - 1000 pg TEQ pro g Fettin Hühnerfleisch
veröffentlicht. Ein Bundesbürger nimmt laut Verzehrstatistik 1 Ei/Tag,
entsprechend 5 g Fett und 250 g Geflügelfleisch/Woche,entsprechend 12,5
g Fett zu sich. Damit nimmt ein Durchschnittsbürger zusützlich zur
Hintergrundbelastung von 30 pg ungefähr 4 000 pg TEQ mit den
kontaminierten Produkten aus Belgien auf, wenn er täglichein in Höhe
der gemessenenen Konzentration kontaminiertes Ei und einein Höhe der
gemessenen Konzentration kontaminiertes Hühnchenportion essen würde. Bei
einmaligem oder gelegentlichem Verzehr derart belasteter Lebensmittel
liegt damit die Aufnahme an Dioxinäquivalenten erheblich über der von
der Weltgesundheitsorganisation (WHO) - unter Einschlussvon 12
dioxinähnlichen polychlorierten Biphenylen - neu
festgelegten tolerierbaren täglichen Aufnahme (TDI; tolerable daily
intake) von1 - 4 pg TEQ pro kg Körpergewicht. Dieser Wert, der aus den
toxischen Wirkungen von Dioxinen auf die Nachkommen dioxinbelasteter
Versuchstiere abgeleitet wurde, bezieht sich allerdings auf die
chronische Aufnahme. Von der WHO wird zu Recht betont, dass die
einmalige oder kurzfristige überschreitung dieses Bereiches noch nicht
zwingend zu einer Gefährdung führt. Vorläufige Abschätzungen zur
Steigerung der Körperlast an Dioxinen durch einmaligen oder
kurzfristigen Verzehr von Lebensmitteln,die in der o.g. Größenordnung
dioxinbelastet sind, zeigen, dasses nur zu geringen, noch duldbaren
Zunahmen der Körperlast kommt. Eine akute Gesundheitsgefährdung ist
daraus nicht ableitbar. Dagegen kann bei längerfristigem bzw. häufigem
Verzehr solcher Lebensmittel eine chronische Dioxinbelastung in einem
gesundheitsgefährdenden Bereich nicht ausgeschlossen werden.
Eine
Messung der Dioxinkonzentrationen im Bluttfett von Personen,
diekontaminierte Produkte aus Belgien in normalem Umfang zu sich
genommen haben, kann wegen der kurzen Expositionszeit keine Aussage über
die zusätzliche Belastung mit Dioxinen machen. Basierend auf Fettgehalt
und im Fett festgestellten Dioxinkonzentrationen befinden sich in einem
60 kg schweren Menschen 120000 bis 360 000 pg Dioxinäquivalente. Bei
Aufnahme eines in Höheder gemessenen Konzentration belasteten
Hähnchenportion von 250 g erhöht sich die Körperbelastung um weniger als
15 %, eine wegen der Schwankungenim Dioxingehalt nicht meßbare
Erhöhung. Nur in begründetenVerdachtsfällen (häufiger Verzehr) kann
eine aussagekräftige Analyse der Dioxinkonzentration im Blutfett
vorgenommen werden.
Als wesentlichste Massnahme sollten die
belasteten Lebensmittel und Lebensmittelzutaten unverzüglich aus dem
Verkehr gezogen sowie die Ursachen und Begleitumstände der
Dioxinkontamination des belgischen Tierfutters aufgeklärt
werden. Schliesslich ist zu prüfen, ob dieses Tierfutter und damit auch
Lebensmittelmit weiteren hochtoxischen Stoffen wie z. B.
polychlorierten Biphenylen(PCB) belastet sind.
Nur durch
Einhaltung der existierenden Grenz- und Richtwerte kann die Exposition
der Bevölkerung gegenüber Dioxinen soweit wie vernünftigmöglich
reduziert werden. Dies ist in den vergangenen Jahren durchzahlreiche
regulatorische Maßnahmen erreicht worden; die tägliche Aufnahme von
Dioxinen in der Bevölkerung hat sich in einem Zeitraum von etwa 10
Jahren halbiert. Durch Vorfälle wie in Belgien kann der Erfolg der
Investitionen in der Grössenordnung von vielen Millionen DM in
dioxinreduzierende Maßnahmen aufgehoben werden.
Kontaktpersonen:
Prof. Dr. Franz Oesch, Institut für Toxikologie der UniversitätMainz
Prof. Dr. Dr. Dieter Schrenk, Lebensmittelchemie und Umwelttoxikologie,Universität Kaiserslautern
Prof. Dr. W. Dekant, Institut für Toxikologie, Universität Würzburg
Stellungnahme der Sektion Toxikologie der DGPT (Juli 1999)
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